Webseminar Impfkommunikation Februar 2021

DNGK-WebSeminar

COVID-19—Impfung: Wie kommunizieren?

15. Februar 2021

Am 15. Februar 2021 fand von 16:00 – 17:30 Uhr das zweite Webseminar des DNGK statt: Thema „COVID-19—Impfung: Wie kommunizieren?“.

Die Veranstaltung richtete sich an Angehörige medizinischer Berufsgruppen, Gesundheitswissenschaftler*innen, politische Entscheidungsträger*innen und in Medien- und Kommunikationsbereichen Tätige.

Zielsetzung

Die Impfungen gegen COVID-19 haben begonnen. Die Entscheidung der Bevölkerung für oder gegen eine Impfung hängt stark von der Gesundheitskompetenz des Einzelnen ab. Die Art und Weise, in der wir Nutzen und Risiken der Corona Impfung kommunizieren, ist ausschlaggebend dafür, dass Bürgerinnen und Bürger für sich selbst eine auch im Sinne des Schutzes der Bevölkerung verantwortliche Entscheidung fällen können. Der Workshop ging der Frage nach, welche Elemente eine verlässliche Impfkommunikation ausmachen und welche Formate hilfreich sind.

Impulsreferate

Gemeinsam mit Vertreter*innen folgender Berufsgruppen wurden diese Frage diskutiert:

Seminarbericht von Sylvia Sänger und Christian Weymayr

Knapp 60 Teilnehmer*innen erlebten eine dichte und spannende Veranstaltung mit fünf Referent*nnen, die das Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten.

Den Anfang machte der Hausarzt Dr. Wolfgang Blank, Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin in Kirchberg im Wald. Seine Botschaft „Am besten ist es, wenn man auf die Frage: „Herr Dr., sind Sie geimpft?“ mit Ja antworten kann!“ Blank geht mit den zwei Gruppen von Patient*innen, die Impfwilligen und die Impfunwilligen, unterschiedlich um. Die Impfwillige haben, so Blank, einen weitaus geringeren Infobedarf als gemeinhin angenommen. Sie haben höchstens Sorge wegen der kurzen Entwicklungszeit des Impfstoffes und wegen möglicher Langzeitfolgen des Impfens. Auch den Impfgegnern begegnet er mit Wertschätzung. Er bietet ihnen Informationen an, fragt nach ihrer Beunruhigung, und baut keinen sozialen Druck auf. Wer nicht will, den darf man nicht drängen, so Blank. Der Arzt solle sich immer fragen: Wo und wie kann ich meine Patienten stärken?

Dr. Svenja Ludwig, Fachärztin für Allgemeinmedizin in Niederkassel, hat andere Erfahrungen als Blank gemacht. Sie sieht ein sehr großes Informationsbedürfnis ihrer Patient*innen. Es kämen viele Fragen zu den Tests, etwa: Welche sind geeignet, wie lange ist das Ergebnis gültig, wer muss wann in Quarantäne, sind die Testergebnisse verlässlich? Sie stößt dann an ihre Grenzen, wenn sie beispielsweise zu Komorbiditäten sowie Interaktionen von Medikamenten und Impfung beraten soll. Gängige Fragen zu den Impfstoffen drehen sich um deren Wirkung, die Unterschiede und die Wahl der Impfstoffe, die Wechselwirkungen mit der Grippeschutzimpfung, um die Impfzentren, und natürlich zu den Nebenwirkungen und Komplikationen der Impfung. Ludwigs Fazit: Sie muss häufig Gerüchte entkräften, und hat einen hohen Aufwand mit Nachlernen und Vorlernen. „Ich arbeite jeden Abend die mediale Landschaft ab, um am nächsten Tag auf alle Fragen antworten zu können.“

Die Sicht eines Beratungsprofis deckte Dr. Johannes Schenkel ab. Er ist Ärztlicher Leiter der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland UPD. Eine seiner Beobachtungen: „Die Anfragen bei der ersten und zweiten Welle waren und sind unterschiedlich.“ Im Jahr 2020 drehten sich über 52.000 von 173.000 Anfragen um die Corona Pandemie, das ist ein Drittel des gesamten Beratungsaufkommens. In der ersten Welle wurde mehrheitlich nach Symptomen der Erkrankung gefragt. Jetzt in der zweiten Welle macht Schenkel vier Hauptberatungsthemen zur COVID-Impfung aus:

    • Probleme bei der Impfterminvergabe
    • Der Wunsch, früher geimpft zu werden
    • Impfeignung trotz Komorbiditäten
    • Details zur Impfung selbst.

Auch die Sicht der Medien war im Webseminar vertreten. Eine der einflussreichsten Publikumsmedien zum Thema Gesundheit ist die Apotheken Umschau. Ihr Chefredakteur Dr. Dennis Ballwieser: „Seit die Politik intensiver über Impfstoffe redet, gibt es detailliertere Fragen“. Die Apotheken Umschau-Gruppe, bestehend aus den gedruckten Heften, dem Online-Auftritt sowie diversen sozialen Kanälen, befasst sich seit etwa drei Monaten mit dem Thema COVID-Impfung, allerdings auf ganz unterschiedliche Weise: Während Impfen vor Corona vor allem ein Thema für „Baby und Familie“ war, hat sich der Fokus unter Corona ganz hin zur „Apotheken Umschau“ verschoben. Dort wird allerdings das gedruckte Magazin so gut wie nicht bespielt, da der lange Produktionsvorlauf die nötige Aktualität unmöglich macht. Dafür berichten die digitalen Kanäle umso mehr. So bietet die Apotheken Umschau neben den Online-Beiträgen auf apotheken-umschau.de einen täglichen Videoblock sowie zweimal pro Woche einen Podcast. Eine interessante Beobachtung Ballwiesers: Bei jüngeren Nutzer*innen sind deutlich mehr Basisinformationen gefragt, zum Beispiel: Was unterscheidet Impfungen von Medikamenten, wie wirken Impfungen im Körper? Um all die Informationsbedürfnisse aktuell und fundiert zu befriedigen, ist viel Quellenarbeit nötig. Ballwieser: „Wir recherchieren uns einen Wolf“.

Den Part der Wissenschaft übernahm Dr. phil. Philipp Schmid, Psychologe an der Professur für Sozial-, Wirtschafts- und Organisationspsychologie, Universität Erfurt. Sein Appell für den Umgang mit queren Denkern: „Falsch Informierte sind schwer zu überzeugen. Korrigieren Sie trotzdem so oft und so gut, wie sie nur können.“ Die ärztliche Kommunikation mit Impfgegnern ist eine besondere Herausforderung. Denn es besteht die Gefahr, dass man beim Versuch, einen Mythos oder den Glauben an Falschinformation zu widerlegen, selbige nur noch verstärkt. Es braucht dafür eine besondere Form der Gesprächsstruktur, damit statt der Fakenews die Fakten hängen bleiben. Hier hilft es beispielsweise, die Sandwich-Regel zu beherzigen: Ob und unten die Fakten und dazwischen die Fakenews. Wie schon Allgemeinmediziner Blank sieht auch Schmid die Wertschätzung des Gegenübers als sehr wichtig an. Man sollte Patient*innen mit ihren Ängsten ernst nehmen, anstatt sie mit Fakten zu überrennen. Es hilft, sich in die Welt des Gegenübers zu begeben und dessen Weltsicht zu würdigen, ehe die korrekten Fakten bemüht werden.

Weitere Infos

Hausärzte vertrauen dem RKI – Ergebnisse der DNGK-Umfrage “Impfkommunikation COVID-19”

In Vorbereitung des Seminars wurde eine Online-Umfrage zur Impfkommunikation durch die Ärzteschaft durchgeführt, an der sich 1.135 Ärztinnen und Ärzte beteiligten, überwiegend aus dem Fach Allgemeinmedizin und mit eigener Praxis.

Aus den Umfrage-Ergebnissen lassen sich folgende Kernaussagen ableiten:

    1. Gut vorbereitet: Zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte fühlen sich für das Patienten-Gespräch gut vorbereitet, nur wenige sehr schlecht.
    2. Robert Koch Institut (RKI) spielt zentrale Rolle: Das RKI ist mit Abstand die wichtigste Quelle für Ärztinnen und Ärzte – und zwar sowohl für sie selbst, als auch für ihre Patienten-Gespräche. Dabei werden eher andere Einrichtungen in der Verantwortung gesehen, für Aufklärung zu sorgen: das Bundesgesundheitsministerium, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Kassenärztlichen Vereinigungen.
    3. Papier toppt Online: Die Informationen für ihre Patientinnen und Patienten sollten vor allem in Papierform sein. Niemanden außen vor zu lassen, ist Ärztinnen und Ärzte dabei offenbar ein wichtiges Anliegen: Auch Angebote in einfacher Sprache sowie in Fremdsprachen werden mehr gewünscht als Online-Informationen.

Ausführliche Informationen finden Sie hier.

Im Kontext: 2. Deutsches Cochrane Symposium

Bewusst haben sich die Verantwortlichen im DNGK dazu entschieden, diesen Online-Workshop unmittelbar an das 2. Deutsche Cochrane Symposium anzuschließen, das sich ebenfalls mit dem Thema Gesundheitskompetenz beschäftigte. Das DNGK war auf dieser Veranstaltung durch die Vorstandsmitglieder Corinna Schaefer und Marie-Luise Dierks mit folgenden Präsentationen vertreten.

  • Marie-Luise Dierks: Gesundheitskompetenz und Informationsbedürfnisse der Bevölkerung –nicht nur in Pandemiezeiten; Präsentation (pdf)
  • Corinna Schaefer: Gesundheitskompetenz fördern – eine gemeinsame Aufgabe ; Präsentation (pdf)

Einen Bericht über das Cochrane Symposium von Iris Hinneburg, DNGK-Mitglied, finden Sie hier.

Die Förderung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung ist gerade in Zeiten von Corona wichtig und allen Vertretern der evidenzbasierten Medizin ein Anliegen.

Weitere DNGK-Aktivitäten zu COVID-19


Autor: DNGK-Redaktionsteam
Letzte Überarbeitung: 28.05.2021

Impfkommunikation COVID-19

Hausärzte vertrauen dem RKI – Ergebnisse der DNGK-Umfrage “Impfkommunikation COVID-19”

Die erste Anlaufstelle für Fragen rund um die Gesundheit ist für viele Menschen die hausärztliche Praxis. Die drängendsten Fragen drehen sich seit Monaten um COVID-19, und derzeit besonders um die COVID-Impfung. Aber wer beantwortet eigentlich die Fragen der Hausärztinnen und Hausärzte? Dem nachzugehen, war Ziel einer Online-Umfrage des Deutschen Netzwerks Gesundheitskompetenz. An der Umfrage beteiligten sich 1135 Ärztinnen und Ärzte, überwiegend aus dem Fach Allgemeinmedizin und mit eigener Praxis. Vorgestellt wurden die Ergebnisse beim DNGK-Webseminar „COVID-19-Impfung: Wie kommunizieren?“ am 15. Februar 2021.

Aus den Umfrage-Ergebnissen lassen sich folgende Kernaussagen ableiten:

    1. Gut vorbereitet: Zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte fühlen sich für das Patienten-Gespräch gut vorbereitet, nur wenige sehr schlecht.
    2. Robert Koch Institut (RKI) spielt zentrale Rolle: Das RKI ist mit Abstand die wichtigste Quelle für Ärztinnen und Ärzte – und zwar sowohl für sie selbst, als auch für ihre Patienten-Gespräche. Dabei werden eher andere Einrichtungen in der Verantwortung gesehen, für Aufklärung zu sorgen: das Bundesgesundheitsministerium, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Kassenärztlichen Vereinigungen.
    3. Papier toppt Online: Die Informationen für ihre Patientinnen und Patienten sollten vor allem in Papierform sein. Niemanden außen vor zu lassen, ist Ärztinnen und Ärzte dabei offenbar ein wichtiges Anliegen: Auch Angebote in einfacher Sprache sowie in Fremdsprachen werden mehr gewünscht als Online-Informationen.

„Die große Beteiligung an der Umfrage und an unserem Webseminar hat uns gezeigt, wie drängend das Thema Impf-Kommunikation in der Ärzteschaft ist“, sagt Corinna Schaefer, Vorsitzende des DNGK. „Ein Ergebnis der Umfrage hat mich besonders erstaunt, nämlich wie durchgehend präsent das RKI als seriöse Quelle ist. Das zeigt: Die verstärkten Aktivitäten des RKI zur Wissenschaftskommunikation haben sich gelohnt.“

Die Ergebnisse der DNGK-Umfrage „Impfkommunikation COVID-19“ Im Einzelnen:

    • 66% der Ärzt*innen fühlen sich gut darauf vorbereitet, ihre Patient*innen über die COVID-19-Impfung aufzuklären, nur 7% sehr schlecht.
    • Die wichtigsten Quellen für Ärzt*innen sind RKI (76%), KVen (54%) und Fachzeitschriften (46%).
    • Die wichtigsten Quellen im Patient*innen-Gespräch sind RKI (61%), BZgA (25%) und Hersteller (17%).
    • Die Quellen, die Patient*innen am ehesten empfohlen werden, sind RKI (66%), BZgA (37%) und BMG (17%).
    • Die hilfreichsten Formate für die Patient*innen sind Flyer zum Mitnehmen (81%), Angebote in leichter Sprache (61%), fremdsprachige Angebote (44%) und Internetseiten 41%.
    • Die Akteure, denen die größte Verantwortung für die Aufklärung zukommt, sind BMG (65%), BZgA (62%), KVen (61%) und RKI (51%).

DNGK-Umfrage” Impfkommunikation COVID-19″


Redaktion: Christian Weymayr und Corinna Schaefer
Letzte Überarbeitung: 10.04.2021

Webseminar Forschung in Zeiten von COVID-19

DNGK-WebSeminar 

Forschung in Zeiten von COVID-19 – Herausforderungen und Lösungsansätze
5. März 2021

Am 5. März 2021 fand das 3. Webseminar der DNGK-Arbeitsgruppe Nachwuchsförderung zum Thema “Forschung in Zeiten von COVID-19 – Herausforderungen und Lösungsansätze“ statt.

Das Webseminar richtete sich primär an Promovierende und Studierende Nachwuchswissenschaftler*innen aus den Bereichen Public Health, Sozialwissenschaften, Pflegewissenschaften, Medizin, Psychologie, Gesundheitskommunikation, Gesundheitspädagogik, Sprach- oder Übersetzungswissenschaft, Versorgungsforschung und vergleichbaren Fachrichtungen.

Durch die COVID-19-Pandemie sehen sich viele Nachwuchsforscher*innen in ihrem wissenschaftlichen Arbeiten vor bisher ungeahnten Herausforderungen. Die Erreichbarkeit vulnerabler Gruppen oder aber die Frage nach der Repräsentativität der eigenen Datensätze, müssen häufig vor gänzlich neuen Bedingungen verhandelt werden. Vor diesem Hintergrund ergab sich der Anspruch, ein Webseminar zu konzipieren, welches sowohl forschungsmethodisch-/ konzeptionelle als auch forschungsethisch-/datenschutzrechtliche Aspekte aufgriff und somit lösungsorientiert auf die aktuelle Problemlage von Nachwuchswissenschaftler*innen abzielte.

Programmübersicht

IMPULS 1) Auswirkung auf Qualitative Forschung
//PROF.’in DR. DR. SASKIA JÜNGER (Professorin für Forschungsmethoden im Kontext Gesundheit – Hochschule für Gesundheit/Department of Community Health, Bochum) gab einen Einblick in die Auswirkungen der COVID-Pandemie auf qualitative Forschungsansätze und deren Umsetzung in der Praxis.

IMPULS 2) Auswirkungen auf quantitative Forschung
//DR. HENNING SILBER ( Leiter des Survey Operations Teams, GESIS – Leibniz Institute for the Social Sciences) ging auf die Herausforderung der Planung, Umsetzung und Evaluation quantitativer Forschungsdesigns unter Pandemiebedingungen ein.

IMPULS 3) Forschungsethische und datenschutzrechtlicher Herausforderungen
//DR.’in EVA-MARIA BERENS (Wissenschaftliche Leitung der Geschäftsstelle der Ethikkommission Bielefeld; Interdisziplinäres Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung, Universität Bielefeld) beleuchtete die Auswirkungen, die im Rahmen von Forschungsprozessen auf der Ebene von Forschungsethik und Datenschutz auftreten.

Gemeinsamer Multi-Perspective-Talk
In einer gemeinsamen Paneldiskussion mit den Speaker*innen wurden Fragen und Impulse aus den Vorträgen diskutiert.

Seminarbericht

Forschung in Zeiten von COVID-19 – Herausforderungen & Lösungsansätze
Am 05. März 2021 fand das Webseminar zum Thema “Forschung in Zeiten von COVID-19 – Herausforderungen und Lösungsansätze“ statt. Das neunzigminütige Seminar wurde von der Arbeitsgruppe Nachwuchsförderung des DNGK über die Plattform Zoom ausgerichtet und fand mit 60 Teilnehmenden großen Anklang.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Janine Michele, Sprecherin der DNGK-Arbeitsgruppe Nachwuchsförderung. Unter dem Motto „Wer wir sind und was uns motiviert“ stellte sie die im November 2020 gegründete AG vor und verdeutlichte in ihrer Einführung die allumfassende Gegenwärtigkeit der pandemischen Lage in unser aller Forschungsalltag.

Auch Corinna Schaefer wandte sich in ihrer Funktion als Vorsitzende des DNGK mit begrüßenden Worten an das Plenum und lud herzlich dazu ein, Mitglied im DNGK und den verschiedenen Arbeitsgruppen des Netzwerks zu werden.

Karin Drixler, stellvertretende Sprecherin der AG Nachwuchsförderung, leitete durch die Veranstaltung – gespannt auf die drei Impulsvorträge und den abschließenden Multiperspektiven-Austausch.

Die Impulsvorträge

Auswirkung auf qualitative Forschung

 Den Auftakt machte Prof.’in Dr. Dr. Saskia Jünger (Professorin für Forschungsmethoden im Kontext Gesundheit – Hochschule für Gesundheit/Department of Community Health, Bochum) mit einem Einblick in die Auswirkungen der COVID-Pandemie auf qualitative Forschungsansätze und deren Umsetzung in der Praxis. Dabei versteht sie sich als Sammlerin von Informationen im Austausch mit zahlreichen Kolleg*innen, in einem Feld, indem wir alle noch gemeinsam dazulernen.

Verschiebungen, Fristsetzungen, fehlende Planbarkeit und ein erheblicher bürokratischer Mehraufwand sind allgemeine Folgen der Pandemie für Forschungsprojekte. Im Vortrag beleuchtete Frau Jünger die Auswirkungen auf die qualitative Forschung aus vier Perspektiven.

Qualitative Forschung kann auch anders als Face-to-Face erfolgen!
Qualitative Forschungsmethoden sind oftmals von viel persönlichem Kontakt gekennzeichnet, z. B. in Form von Fokusgruppen und Interviews, weshalb die Maßnahmen zur Kontaktreduktion direkte Auswirkungen auf die angewendeten Methoden im Forschungsbereich haben. Ein Blick auf die Definition nach von Kardorff (1995) zeigt, dass qualitative Forschung auch anders als Face-to-Face erfolgen kann. Frau Jünger ermutigte dazu, den digitalen Raum zu erkunden und weitere Formen der Datenerhebung in den Blick zu nehmen. Dabei ging sie bspw. auf verschiedene Möglichkeiten synchroner und asynchroner Erhebungsmethoden ein.

Der Feldzugang muss im digitalen Raum anders gedacht werden!
Aus der ermutigenden Perspektive, dass auch die digitale Landschaft real ist, resultieren speziell in der qualitativen Forschung offene Fragen und Erfordernisse aus der Pandemie: Wie kann gute digitale Kommunikation gelingen?

Wir Forschende, so Frau Jünger, sollten auch den digitalen Raum als ethnographisches Forschungsfeld betrachten und dabei die eigene Rolle sowie die neuen Gegebenheiten reflektieren:

    • Wie wirken sich Kommunikationsformen auf die Narrative aus?
    • Wie gestalten sich Anonymität und Intimität?
    • Wen schließen wir systematisch aus?
    • Welche Rolle spielen datenschutzrechtliche Aspekte?

Es fehlen die interessanten Kaffeegespräche!
Bei allen Möglichkeiten, die uns der digitale Raum bietet, bleiben einige Herausforderungen und Risiken bestehen. Eine (angenehme) Atmosphäre oder der Netzwerkcharakter einiger Formate kann im Digitalen nur begrenzt erreicht werden. Auch die Wahrnehmung mit allen Sinnen ist für Forschende und Interviewteilnehmende nicht gegeben. Ein wichtiger Aspekt ist außerdem die Verstärkung von bestehenden Ungleichheiten, bedingt durch unterschiedliche Zugangs- und Erreichbarkeitsvoraussetzungen, die mit den Kontaktbeschränkungen und Hygienevoraussetzungen im Rahmen der Pandemie im besonderen Maße einhergehen.

Ist die qualitative Forschung in der Krise?
Frau Jünger geht der Frage nach, welche Bedeutung die derzeitige Lage für die qualitative Forschungscommunity hat und führte den Gedanken an, dass die Priorisierung von Forschung mit COVID-19-Bezug und die „Zahlenfixierung“ während der Pandemie die Gefahr mit sich bringen, dass qualitative Forschung in den Hintergrund rücken könnte. Sie nimmt wahr, dass das qualitative Erleben der Menschen und die qualitativen Zugänge derzeit verstärkt an den Rand gedrängt werden. Dabei sollte die Systemrelevanz der qualitativen Forschung nicht in Frage gestellt werden.

Folgen für die zukünftige methodische Argumentation im Sinne „analoger“ Forschung!
Auch mögliche Folgen der aktuellen Lösungsstrategien für die qualitative Forschung nach der Krise wurden in den Blick genommen. So wurde die Frage nach der zukünftigen Verteilung von Fördergeldern (z. B. im Hinblick auf Reisekosten für Präsenzveranstaltungen) oder der Etablierung neuer Hygienestandards gestellt sowie deren Auswirkungen auf die zukünftige Feldforschung.

Auswirkung auf quantitative Forschung

Im Anschluss an den spannenden Beitrag zur qualitativen Forschung beleuchtete Dr. Henning Silber (Leiter des Survey Operations Teams, GESIS – Leibniz Institute for the Social Sciences) die Herausforderung der Planung, Umsetzung und Evaluation quantitativer Forschungsdesigns unter Pandemiebedingungen. Er beleuchtete die Situation aus Sicht der Sozialforschung und eigener Erfahrungen im Rahmen seiner Arbeit im GESIS-Institut.

In seinem Vortrag thematisierte er quantitative Datenerhebungstechniken, die Auswirkungen der Pandemie in Bezug auf GESIS-Umfrageprogramme, die Repräsentativität verschiedener Erhebungsmethoden sowie Lösungsansätze und Datenbedarfe.

Die Pandemie hat insbesondere Auswirkungen auf die reaktive Forschung!
Im Rahmen verschiedener Modi von Befragungen und Beobachtungen zeigen sich auch hier, ebenso wie im Rahmen der qualitativen Forschung, Auswirkungen auf Ebene persönlicher Befragungen. Herr Silber präsentierte einen Vergleich verschiedener Befragungsmodi im Zeitverlauf von 2000 bis 2019 aus den Jahresberichten der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute. Daraus geht hervor, dass Onlinebefragungen im Jahre 2000 nur einen unerheblichen Marktanteil abbildeten, während 2019 diese Befragungsform bereits den wichtigsten Modus ausmachte. Spannend wird die noch ausstehende Abbildung der Entwicklung für das Jahr 2020 in Bezug auf das Verhältnis von Telefonbefragungen und Onlinesurveys. Für die persönlichen Befragungen wird in Anbetracht der pandemischen Lage ein weiterer Rückgang erwartet.

Er erläuterte, dass dies jedoch der wichtigste Erhebungsmodus für die GESIS-Befragungen ist, von denen ein Großteil eine persönliche Befragungskomponente beinhaltet und somit stark von den Auswirkungen der Pandemie betroffen ist.

Das Ausweichen auf eine Quotenauswahl ist eigentlich keine Alternative!
Herr Silber führte vier Lösungsansätze für die besonders belasteten Großstudien auf, um jeweils auf die aktuellen Bedingungen der pandemischen Lage eingehen zu können.

Neben einer Verschiebung der Datenerhebung sieht er zum einen die Möglichkeit den Erhebungsmodus zu wechseln (telefonisch und/oder schriftlich und/oder online) und zum anderen verwies er auf Vor- und Nachteile einer Quoten- oder Zufallsauswahl. Er führte an, dass im Rahmen von Onlineumfragen derzeit häufig eine Quotenauswahl vorgenommen wird und hob hervor, dass eine statistische Repräsentativität jedoch nur durch Zufallsstichproben gewährleistet werden kann, mit welcher eine Berechnung von Konfidenzintervallen möglich wird.

Günstige Publikationsbedingungen für die Wissenschaft!
Für kleinere Projekte, die häufig keine Zufallsauswahl vorgesehen haben, beschrieb er eine größere Flexibilität in der Anpassung des Forschungsdesigns, insbesondere im Hinblick auf Online-Befragungen. Bspw. führte er die Rekrutierung über Social-Media-Kanäle (Facebook, Instagram) an und die im Rahmen der Pandemie verstärkte Möglichkeit, entsprechende Drittmittelanträge zu stellen oder in Special Issues zu publizieren.

Wir brauchen insbesondere Längsschnitt- und international vergleichende Daten!
Um Veränderungen in Bezug auf Einstellungen und Verhaltensweisen vor-, während und nach der COVID-19 Pandemie beobachten zu können, stellte Herr Silber die Erhebung von Längsschnittdaten als besonderen Datenbedarf heraus. Auch die Kombination von verschiedenen Methoden hob er für die multiperspektivische Beleuchtung sozialer Tatbestände hervor.

Ferner, so schloss er ab, sollten vor dem Hintergrund der globalen pandemischen Herausforderung vor allem auch international vergleichenden Daten erhoben werden.

Forschungsethische und datenschutzrechtliche Herausforderungen

Im dritten Themenblock des Seminars beleuchtete Dr.’in Eva-Maria Berens (Wissenschaftliche Leitung der Geschäftsstelle der Ethikkommission Bielefeld; Interdisziplinäres Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung, Universität Bielefeld) die Auswirkungen, die im Rahmen von Forschungsprozessen auf der Ebene von Forschungsethik und Datenschutz auftreten.

Sie verwies dabei auf die vielfältige Landschaft an Ethikkommissionen und die guten Gründe für eine ethische Begutachtung von Forschungsvorhaben. So führte sie bspw. die Publikationsrichtlinien sowie Vorgaben vieler Journals und Forschungsförderer an.

Was ist die Aufgabe einer Ethikkommission?
Eine Ethikkommission setzt sich aus Wissenschaftler*innen verschiedener Fachrichtungen zusammen. Diese prüfen und geben Stellungnahmen zu Forschungsvorhaben im Hinblick auf ethische Aspekte ab. Berücksichtigt werden insbesondere Aspekte wie die Vorkehrungen zur Minimierung des Risikos für die Studienteilnehmer*innen, das Verhältnis von Nutzen und Risiko des Vorhabens, die Qualität der Studienmaterialen zu Aufklärungs- und Einwilligungszwecken sowie (datenschutz-)rechtliche Aspekte.

Antragsstopp zu Beginn der Pandemie!
Innerhalb der nicht-medizinischen Ethikkommission zeichnete sich zu Beginn der Pandemie ein Rückgang an Ethikanträgen aus den Bereichen der Psychologie, Gesundheitswissenschaften, Linguistik und Erziehungswissenschaften ab. Dies wird im Zusammenhang mit der dort häufig verankerten persönlichen Interaktion mit Proband*innen gesehen.

Frau Berens erläuterte, dass auf Seiten der Forschenden in dieser Phase eine große Verunsicherung in Bezug auf die Wahl des Feldzugangs vorherrschte, welcher bereits in den beiden vorangegangen Vorträgen diskutiert wurde.

Lessons-Learned – Mit neuen Strategien folgte eine Welle von Änderungsanträgen!
Nach einer ersten Orientierungsphase wurden neue Strategien entwickelt, bspw. im Sinne von Hygienekonzepten und der Verwendung digitaler Kanäle, wodurch ein Aufschwung in Bezug auf die Antragstellung erfolgte. Es wurden jedoch nicht nur neue Ethikanträge eingereicht, sondern vermehrt Änderungsanträge gestellt, um das ursprüngliche Forschungsdesign den neuen Gegebenheiten anzupassen.

COVID-19 hat die Digitalisierung in der Forschung angeschoben!
Von Seiten der Ethikkommission wurden zwei große Herausforderungen festgestellt, welche den Bereich Ethik- und Datenschutz berühren. Unabhängig von der Forschungsmethode müssen Hygienekonzepte und Regeln zu Kontaktbeschränkungen beachtet werden, was meist zu einer Veränderung des Forschungsdesigns führt. Sowohl in der qualitativen als auch in der quantitativen Forschung wechselten und wechseln die Forschungsvorhaben vor allem von persönlichen Erhebungen hin zu digitalen Alternativen.

Durch diese Anpassungen werden einige Inhalte komplexer, auch im Hinblick auf die Überarbeitung von Aufklärungsmaterialien und Datenschutzkonzepten.

Daten bestimmen die Art der Nutzung von Kommunikationsdiensten!
Frau Berens beschrieb, dass im Rahmen der pandemischen Lage das klassische Face-to-Face Interview meist auf den digitalen Raum in Form einer Videokonferenz übertragen wird und damit häufig die Frage nach einer geeigneten Plattform in Verbindung steht. Es gibt eine Vielzahl von Kommunikationsdiensten, welche jedoch immer anhand der zu erhebenden Daten ausgewählt werden müssen. Sie hob hervor, dass nicht alle Dienste für die Übermittlung besonders sensibler Daten geeignet sind, welche insbesondere im Rahmen der Gesundheitskompetenzforschung erhoben werden.

Eine Ende-zu-Ende Verschlüsselung gewährleistet eine stärkere Sicherheit, bringt jedoch forschungsethische Konsequenzen mit sich. Sie stellte explizit heraus, dass kritisch zu reflektieren ist, ob diese Lösung, vor dem Hintergrund der digitalen Kompetenzen von Nutzer*innen des jeweiligen Forschungsfeldes, in der Forschungspraxis umsetzbar ist.

Aber auch die Anforderungen an Forschende werden komplexer, denn sie müssen die Dateninfrastruktur kennen. Frau Berens beendete ihren Vortrag mit dem Hinweis, dass diesbezüglich die Unterstützung der Universitäten derzeit noch ausbaufähig erscheint.

Abschlussdiskussion und Fazit


Im Anschluss an die vielschichtigen und spannenden Beiträge zu den Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf die verschiedenen Bereiche der Forschung, moderierte Janine Michele einen Multiperspektiven-Austausch zwischen den Vortragenden und Teilnehmenden des Webseminars.

Faktenbox – Was haben wir voneinander mitnehmen können?

  • „Corona-Brennglas-Effekt“: Die diskutierten Herausforderungen sind nicht unbedingt neu, aber betreffen im Rahmen der Pandemie deutlich mehr Forschende.
  • Der Umgang mit Planungsunsicherheit erfordert eine hohe Flexibilität, sowohl im Rahmen qualitativer als auch quantitativer Forschung.
  • Aufklärungs- und Datenprozesse sind grundlegend komplexer.
  • Ethische Bestimmungen stehen teilweise im Widerspruch zum niederschwelligen Zugang zu benachteiligten Probandengruppen, sind derzeit nur mit sehr großem Aufwand zu überwinden und müssen weiter vor dem Hintergrund der „digitalen Kluft“ kritisch diskutiert werden.
  • Auch in der Pandemie liegen Chancen für die Wissenschaft, sich weiterzuentwickeln.
  • Wir lernen alle am besten gemeinsam! Erfahrungen und Erkenntnisse sollten innerhalb der Forschungscommunity geteilt werden.

Dank!
Wir blicken auf eine erfolgreiche und informative Veranstaltung zurück, freuen uns über die rege Teilnahme und möchten uns recht herzlich bei Frau Prof.’in Dr. Dr. Saskia Jünger, Herrn Dr. Henning Silber und Frau Dr.’in Eva-Maria Berens für ihre wertvollen Beiträge bedanken.

Ebenso richten wir unseren Dank an alle Teilnehmenden für ihr Interesse und die eingebrachten Fragen.

Nicht zuletzt möchten wir uns beim Vorstand des DNGK dafür bedanken, dass wir dieses Webseminar ausrichten durften und bei Frau Susanne Kaffka für die Unterstützung bei der Veranstaltungsorganisation.


Redaktion: Janine Michele, Karin Drixler, Lisa Bach, Jacqueline Posselt
Letzte Überarbeitung: 20.03.2021

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