Definition Health Literacy / Gesundheitskompetenz-August 2019

Vorschlag für eine erweiterte Definition von Health Literacy

Der Vorstand des DNGK und der Vorstand des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung DNVF haben im August folgenden gemeinsamen Vorschlag für die Weiterentwicklung der englischsprachigen Definition von Health Literacy formuliert.

Health literacy is the degree to which individuals are enabled by their educational, social, and/or health system to obtain, process, and understand health information needed to make appropriate health decisions.

Gesundheitskompetenz ist der Grad, zu dem Individuen durch das Bildungs-, Sozial und/oder Gesundheitssystem in die Lage versetzt werden, die für angemessene gesundheitsbezogene Entscheidungen relevanten Gesundheitsinformationen zu finden, zu verarbeiten und zu verstehen.

Hintergrund

Das US Department of Health and Human Services bat im April 2019 die Öffentlichkeit, sich an der Weiterentwicklung der Definition des Begriffs “Health Literacy” . Ziel dieser  öffentlichen Kommentierung ist es, eine breit konsentierte neue Definition für das US-Programm Healthy People 2030 zu entwickeln.

Alte Definition: Health Literacy ist the capacity of individuals to obtain, process, and understand basic health information and services needed to make appropriate health decisions

Vorschlag zu einer aktualisierten Definition: Health literacy occurs when a society provides accurate health information and services that people can easily find, understand, and use to inform their decisions and actions.

Weitere Informationen – siehe https://www.federalregister.gov/documents/2019/06/04/2019-11571/solicitation-for-written-comments-on-an-updated-health-literacy-definition-for-healthy-people-2030.

Gemeinsame Stellungnahme von DNGK und DNVF

Unter der Schriftführung von Frau Prof. Bitzer (Vorstandsmitglied DNGK) und Frau Prof. Ernstmann (Sprecherin AG Gesundheitskompetenz des DNVF) wurde die nachstehende gemeinsame Stellungnahme von den Vorständen beider Netzwerke abgegeben (die englischsprachige pdf-Version finden Sie auf der Seite des DNVF):

To the US Office of Disease Prevention and Health Promotion

On behalf the Health Literacy Network Germany and the German Network for Health Services Research

Im Namen des Deutschen Netzwerks Gesundheitskompetenz und des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung

Wir möchten einen schriftlichen Kommentar zu der vorgeschlagenen aktualisierten Definition von Gesundheitskompetenz einreichen.

Kommentar

Wir schätzen die aktualisierte Definition von Gesundheitskompetenz und begrüßen insbesondere, dass nun auch solche Merkmale des Gesundheitssystems adressiert, die Voraussetzungen für individuelle, gesundheitskompetente Entscheidungen sind.

Wir sind uns jedoch nicht sicher, ob allein die sozialen Bedingungen für das „Entstehen“ von Gesundheitskompetenz bedeutsam sind. Aus unserer Sicht läuft man damit Gefahr, die Rolle individueller Handlungsbereitschaft, z. B. in Bezug auf Motivation, und den aktiven Beitrag, den Individuen zur Entfaltung von Gesundheitskompetenz leisten, zu unterschätzen.

Die vorgeschlagene neue Definition versteht Literalität als Kompetenz, ein in Erziehungswissenschaften und der beruflichen Bildung verbreitetes Konzept. Kompetenzen sind latente Konstrukte, die sich manifestieren, wenn man sie braucht. Kompetenzen können gelehrt werden, ihr Vorhandensein gemessen, vorzugsweise unter kontrollierten Bedingungen.

Wir stimmen einem solchen Verständnis von Health Literacy zu, die deutsche Übersetzung lautet entsprechend auch „Gesundheitskompetenz“.

Vor diesem Hintergrund schlagen wir daher anstelle eines Austausches eine Erweiterung vor, die individuelle und gesellschaftliche Aspekte integriert:

Vorschlag zur Änderung: Gesundheitskompetenz ist der Grad, zu dem Individuen durch das Bildungs-, Sozial und/oder Gesundheitssystem in die Lage versetzt werden, die für angemessene gesundheitsbezogene Entscheidungen relevanten Gesundheitsinformationen, zu finden, zu verarbeiten und zu verstehen.

Prof. Dr. Eva Maria Bitzer, MPH, Mitglied des DNGK-Vorstands

Prof. Dr. Nicole Ernstmann,  Sprecherin der DNVF Arbeitsgruppe Gesundheitskompetenz

4. August 2019


Autor: DNGK-Redaktionsteam
Letzte Überarbeitung: 25.05.2021

Therapeutische Berufe und Gesundheitskompetenz, Webseminar

DNGK-WebSeminar

Therapeutische Berufe und Gesundheitskompetenz

10. Mai 2021

Welche Strukturen sind zur Stärkung der Gesundheitskompetenz nötig? Welche Rolle spielen dabei die Gesundheitsberufe?

Mit diesem Thema  beschäftigte sich das 4. Webseminar des DNGK “Therapeutische Berufe und Gesundheitskompetenz” am 10. Mai 2021.

Das Webseminar richtete sich primär an Personen und Institutionen, die sich mit der Förderung der Gesundheitskompetenz durch Therapeutische Berufe befassen möchten.

Projekte und Praxiserfahrungen

Expertinnen aus Ergotherapie, Ernährungstherapie, Logopädie und Physiotherapie präsentierten Projekte und Praxiserfahrungen zu dieser Thematik. Im Mittelpunkt stand die Diskussion zu den Fragen:

  • Welche spezifischen Kompetenzen von Therapeutinnen und Therapeuten fördern die Gesundheitskompetenz der Patienten- bzw. Klientenschaft?
  • Welche Bedeutung haben Ausbildung, Wissenschaft und Zugang zu Informationen über Gesundheitskompetenz für die Therapeutischen Berufe?
  • Wie muss sich das Gesundheitssystem weiterentwickeln und welche Kooperationsformen sind nötig, um die Förderung der Gesundheitskompetenz im therapeutischen Alltag zur Routine zu machen?
  • Wie kann das Potenzial der Therapeutischen Berufe im Bereich Gesundheitskompetenz gefördert werden – zum Beispiel mit Unterstützung des DNGK?

Referentinnen

Kommentar

Einen Leuchtturm bauen

Das DNGK-Webseminar “Therapeutische Berufe und Gesundheitskompetenz” scheint einen Nerv getroffen zu haben: Die Erleichterung und Freude darüber, sich austauschen und vernetzen zu können, war von der ersten bis zur letzten Minute präsent. Die Gründung eines eigenen Fachbereichs oder einer Arbeitsgruppe innerhalb des DNGK ist die logische Konsequenz.

Ich nehme als Botschaft aus der Veranstaltung mit: Die therapeutischen Berufe haben das Wissen und die Erfahrung, die Gesundheitskompetenz ihrer Klientinnen und Klienten zu fördern. Sie sind nahe an ihnen dran, sie können sich die Zeit nehmen, und sie sind bereit dazu – aber man muss ihre Arbeit wertschätzen und auch finanziell honorieren, sie in die Versorgung einbinden und ihnen mehr Freiräume für Entscheidungen geben.

In ihren Kurzvorträgen setzten die Referentinnen zudem eigene Akzente.

  • Für die Physiotherapie machte Corinna Wirner deutlich, wie sehr die Ausbildung den Anforderungen im Berufsalltag hinterherhinkt. So werde der Begriff “Gesundheitskompetenz” nur in 1 von 27 ausbildungsrelevanten Curricula explizit erwähnt. Hier sollte sich dringend etwas tun.
  • Die Ergotherapie sorgt sich explizit um das Wohlbefinden, die Gesundheit und die Lebensqualität ihrer Klientel, wie Eva Denysiuk betonte. Dazu gehört zum Beispiel, gemeinsam im Internet die Vertrauenswürdigkeit von Informationsangeboten zu besprechen. “Es geht oft um das Managen des eigenen Gesundheitszustandes,” sagte Denysiuk. Leider sei die Qualität der Ausbildung sehr heterogen.
  • Die Logopädie sei besonders nah an Menschen mit besonders schwach ausgeprägter Gesundheitskompetenz, sagte Lucie Hilscher. Die mit Abstand häufigste Diagnose ihrer Klientel sei eine Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache, also von Fähigkeiten, die gerade für den Erwerb von Gesundheitskompetenz essentiell sind.
  • Ein zentrales Problem der Ernährungstherapie sei der fehlende Schutz der Berufsbezeichnung, beklagte Andrea Lambeck: “Sie können sich morgen ein Schild an die Tür hängen, auf dem Ernährungsberatung steht”. So gebe es in der Branche die kuriosesten Angebote – je verrückter, desto erfolgreicher, wie es scheint. Dabei könne die Ernährungstherapie, sinnvoll angewandt, bereits präventiv wirksam sein. Als Orientierungshilfe bietet deshalb ihr Verband unter www.vdoe.de ab dem 1. Juni 2021 eine Expertensuche an.

Therapeutische Berufe sollten, so lässt sich als Fazit der Veranstaltung eine Bemerkung Lucie Hilschers festhalten, ein Leuchtturm in der Vermittlung von Gesundheitskompetenz sein. Das DNGK hilft gerne mit, den Turm zu bauen.

Christian Weymayr, 2. stellvertretender Vorsitzender des DNGK

 

Literatur zum Thema in der E-Bibliothek: https://ww1.dngk.de/gesundheitsberufe-literatur/


Autor: DNGK-Redaktionsteam
Letzte Überarbeitung: 18.05.2021

Impfkommunikation COVID-19

Hausärzte vertrauen dem RKI – Ergebnisse der DNGK-Umfrage “Impfkommunikation COVID-19”

Die erste Anlaufstelle für Fragen rund um die Gesundheit ist für viele Menschen die hausärztliche Praxis. Die drängendsten Fragen drehen sich seit Monaten um COVID-19, und derzeit besonders um die COVID-Impfung. Aber wer beantwortet eigentlich die Fragen der Hausärztinnen und Hausärzte? Dem nachzugehen, war Ziel einer Online-Umfrage des Deutschen Netzwerks Gesundheitskompetenz. An der Umfrage beteiligten sich 1135 Ärztinnen und Ärzte, überwiegend aus dem Fach Allgemeinmedizin und mit eigener Praxis. Vorgestellt wurden die Ergebnisse beim DNGK-Webseminar „COVID-19-Impfung: Wie kommunizieren?“ am 15. Februar 2021.

Aus den Umfrage-Ergebnissen lassen sich folgende Kernaussagen ableiten:

    1. Gut vorbereitet: Zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte fühlen sich für das Patienten-Gespräch gut vorbereitet, nur wenige sehr schlecht.
    2. Robert Koch Institut (RKI) spielt zentrale Rolle: Das RKI ist mit Abstand die wichtigste Quelle für Ärztinnen und Ärzte – und zwar sowohl für sie selbst, als auch für ihre Patienten-Gespräche. Dabei werden eher andere Einrichtungen in der Verantwortung gesehen, für Aufklärung zu sorgen: das Bundesgesundheitsministerium, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Kassenärztlichen Vereinigungen.
    3. Papier toppt Online: Die Informationen für ihre Patientinnen und Patienten sollten vor allem in Papierform sein. Niemanden außen vor zu lassen, ist Ärztinnen und Ärzte dabei offenbar ein wichtiges Anliegen: Auch Angebote in einfacher Sprache sowie in Fremdsprachen werden mehr gewünscht als Online-Informationen.

„Die große Beteiligung an der Umfrage und an unserem Webseminar hat uns gezeigt, wie drängend das Thema Impf-Kommunikation in der Ärzteschaft ist“, sagt Corinna Schaefer, Vorsitzende des DNGK. „Ein Ergebnis der Umfrage hat mich besonders erstaunt, nämlich wie durchgehend präsent das RKI als seriöse Quelle ist. Das zeigt: Die verstärkten Aktivitäten des RKI zur Wissenschaftskommunikation haben sich gelohnt.“

Die Ergebnisse der DNGK-Umfrage „Impfkommunikation COVID-19“ Im Einzelnen:

    • 66% der Ärzt*innen fühlen sich gut darauf vorbereitet, ihre Patient*innen über die COVID-19-Impfung aufzuklären, nur 7% sehr schlecht.
    • Die wichtigsten Quellen für Ärzt*innen sind RKI (76%), KVen (54%) und Fachzeitschriften (46%).
    • Die wichtigsten Quellen im Patient*innen-Gespräch sind RKI (61%), BZgA (25%) und Hersteller (17%).
    • Die Quellen, die Patient*innen am ehesten empfohlen werden, sind RKI (66%), BZgA (37%) und BMG (17%).
    • Die hilfreichsten Formate für die Patient*innen sind Flyer zum Mitnehmen (81%), Angebote in leichter Sprache (61%), fremdsprachige Angebote (44%) und Internetseiten 41%.
    • Die Akteure, denen die größte Verantwortung für die Aufklärung zukommt, sind BMG (65%), BZgA (62%), KVen (61%) und RKI (51%).

DNGK-Umfrage” Impfkommunikation COVID-19″


Redaktion: Christian Weymayr und Corinna Schaefer
Letzte Überarbeitung: 10.04.2021

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